Dystopien haben wieder Konjunktur: „1984“ und „Brave New World“, „The Man in the High Castle“ und das weniger bekannte „Wir“ Samjatins, neue Schreckensszenarien wie „The Circle“, „Daemon“, „Nexus“ und „Robocalypse“. Selbst Huntingtons „Clash of Civilizations“ findet wieder den Weg auf die intellektuelle Agenda. Ihr Erfolg wird nur von Werken übertroffen, die sich den technologischen Disruptionen widmen. Wobei diese immer häufiger mit dem klassischen dystopischen Narrativ konvergieren. Und überhaupt: In welchen Zukunftsszenarien der letzten Jahrzehnte haben wir es mit einer demokratisch verfassten, liberalen und stabilen Gesellschaft zu tun? Ich kenne keine.

Die größte Angst macht uns aber die kommende Präsidentschaft Trumps. Auch denjenigen von uns, die nicht zu Hysterie neigen, auch denjenigen, die Obama ohne Heiligenschein sehen und Hillary Clinton keine Träne nachweinen. Was uns Angst macht ist die Tatsache, dass man anscheinend doch jede strukturelle Barriere unserer westlichen Gesellschaften umschiffen kann. Dass extreme Ausreißer und Desperados doch nicht von der Systemträgheit und Mittezentriertheit unserer westlichen Institutionen absorbiert, verdaut und als belangloser Brei ausgeschieden werden. Alles ist möglich. Kurze Momente dieser Art hatten wir schon beim Sieg Berlusconis und bei den Erfolgen Haiders. Aber wen kümmert schon Österreich, wenn Amerika – the solid ground – da ist?

Auch für dieses Gefühl des Ausgeliefertseins,  dafür gibt es eine dystopische Erzählung, Philip Roths „The Plot Against America“. Ein böser Albtraum, bei dem Charles Lindbergh, der Nazi-Freund, 33ster US-Präsident wird. Danach passiert zunächst eine Zeitlang nicht wirklich etwas, aber man spürt fast körperlich, wie die Luft um einen herum entweicht, wie die Erosion der Fundamente einem ins Mark fährt. Doch dann ist der Albtraum zu Ende. Roosevelt gewinnt die nächste Wahl und die Geschichte schwenkt wieder auf die Bahn ein, die wir kennen. Zurück bleibt aber ein Gefühl, das alles möglich ist.

Der Sieg Trumps und die Umstände des Wahlkampfs inklusive russischer Einmischung zeigen aber, dass es überhaupt keinen solid ground gibt. Es gibt  nur eine dünne Eiskruste, die uns von den Abgründen politischer und technischer Dystopien und gewaltiger Brüche trennt. Eine Kruste die bricht, wenn einer nur entschlossen genug hämmert oder, noch schlimmer, aus Versehen einen Stahlklotz fallen lässt. Dieses Gefühl extremer Fragilität und Vulnerabilität werden wir nicht mehr los – selbst wenn Trumps Präsidentschaft uns ruhige und blühende Landschaften bescheren sollte. Denn alles ist möglich und nichts von Dauer.

Haben wir eine Sprache, um von den Gründen dieser Angst zu sprechen? Ganz offensichtlich nicht. Wir sprechen von den Blasen auf der Schaumkrone – den Hatern und Fakern, den Trumps, Petrys und LePens, den Arbeitsplätze mampfenden Robotern und KUKA-kaufenden Chinesen. Wovon man nicht reden kann, davon soll man bekanntlich schweigen.

Zum Kern der Sache dringen wir so nicht vor – und wir werden so diese neue Welt weder begreifen noch uns darin einrichten können. Wir müssen deshalb dringend Narrative finden, die mit der Abwesenheit des solid ground zurechtkommen.

Dimitrij Naumov