„Nicht, was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen“, schickt Gabriel García Márquez seiner Autobiografie voran.

Wie werden wir, die Schwellengeneration des Digitalen Zeitalters, unser Leben erinnern? Wie werden wir es erzählen? Die Memosphäre des Web 2.0 bietet uns ungeahnte Möglichkeiten– wir können unsere Vergangenheit stets aktuell, vollständig, multimedial, hochauflösend und mediabruchfrei halten. Wir können diese Vergangenheit mit einfachsten Tools frisieren, nachbearbeiten, retuschieren, remixen – all das, was mit den vergilbten Fotos und Dokumenten unserer Vorfahren kaum möglich war. Und da das Gedächtnis heute zunehmend kurzzeitig und die Erinnerungsartefakte zunehmend visuell (und damit mehrdeutig und komplex) sind, besteht eine große Chance, dass wir mit der Umgestaltung unserer Vergangenheit davon kommen – ob wir die Modulation unbewusst oder strategisch betreiben…

Was aber sind die Folgen? Wie oft können wir die Reset-Taste der Erinnerung drücken, ohne die Masterversion zu vergessen? Werden die Ölplattformen nie gebrannt, wir auf dem Schulhof nie verprügelt, Doktorarbeiten nie plagiiert worden sein? Und was passiert, wenn wir die Vorversionen nicht gelöscht bekommen? Wie viele Ichs werden dann gelebt haben?

Mag sein, dass die Zeit der großen, totalitären Erinnerungsfälschungen vorbei ist. Die Zeit der Mikrokonstruktionen der Erinnerung hat aber gerade erst begonnen – auf individueller und organisatorischer Ebene. Es spricht vieles dafür, dass die gerade entstehende Disziplin des „Strategic Past Management“ in absehbarer Zeit auch einen festen Platz auf organisatorischen Agenden gewinnt.

García Márquez hat in seine Autobiografie Passagen aus seinen Romanen eingebaut – ohne Fußnoten…

Dimitrij Naumov

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