Smartcore statt Security

In der großen Bugwelle der medialen Berichterstattung zum Facebook-Datendebakel versickerte eine Meldung, die für sich genommen ideales Erregungspotenzial für erhitze Datenschutz-Gemüter und notorische Überwachungsstaat-Warner bietet. Anfang April berichteten der SPIEGEL und in Folge dessen diverse Medien wie die ZEIT über eine Neuanschaffung der hessischen Polizei: Diese schrieb Ende Januar den Auftrag für eine „Analyseplattform zur effektiven Bekämpfung des islamistischen Terrorismus und der schweren und Organisierten Kriminalität“ (Ausschreibung Präsidium für Technik, Logistik und Verwaltung, Wiesbaden) öffentlich aus, den Zuschlag erhielt das US-Unternehmen Palantir Technologies.

Facebook of Crime

Palantir wurde bereits 2004 vom Facebook-Investor und PayPal-Erfinder Peter Thiel gegründet. Seitdem wuchs das Unternehmen stetig, vor allem dank Aufträgen in erheblichen Größenordnungen seitens des US-Geheimdienstes CIA und des US-Militärs. Das Kerngeschäft: Daten zur aktiven und präventiven Verbrechensbekämpfung sammeln, speichern und analysieren. In seiner Heimat als „Facebook of Crime“ bekannt, baut die mit einer Bewertung von rund 20 Milliarden Dollar als Börsenkandidat gehandelte Firma nun offenbar ihre Geschäftsaktivitäten und Netzwerke außerhalb der Staaten weiter aus. Ob gerade Deutschlands Bembel-Polizei als Referenzbeispiel für weitere Aufträge taugt sei dahingestellt – für Palantir ist es sicherlich ein wichtiger Meilenstein zur Positionierung im europäischen Markt. Und das Palantir-CEO und Mitgründer Alex Karp zeitgleich in den Aufsichtsrat von Axel Springer einzieht, dürfte alles andere als ein Zufall sein.

Storytelling-Automatismus

Mysteriös, gar erschreckend? In meinen Augen nicht. Ohnehin halte ich es für müßig, ja regelrecht langweilig, ein Unternehmen mit offensichtlicher CIA-DNA per Storytelling-Automatismus mit Attributen wie „geheimnisumwittert“ oder (in der Verschwörungs-Rauner-Variante) „intransparent“ zu beschreiben. Alles andere wäre eher suboptimal für Palantirs Geschäftsmodell.

Viel mysteriöser erscheint mir eine ganz andere Tatsache. Offensichtlich musste Palantir zum Erhalt des hessischen Auftrages weder Beziehungen zu höchsten deutschen Entscheidernetzwerken spielen lassen, noch mit besonderen Preis-/ Leistungsdetails glänzen. Zwar gab der Auftraggeber an, nur mit Palantirs Angebot den „Beschaffungszweck zur integrierten Datenanalyse in einer Plattform-Lösung zur effektiven Bekämpfung des islamistischen Terrorismus und der schweren und Organisierten Kriminalität zu erreichen.“ Zugleich hatte jedoch laut Ausschreibungsinformation kein einziger Wettbewerber ein Angebot abgegeben (siehe Quelle).

I shot the sheriff, but I didn’t killed his twitter posts

Was für mich die durchaus erschreckende Frage aufwirft, auf welchem technologischen Niveau sich eigentlich sowohl unsere Behörden als auch unsere „innovativen Startup-Pioniere“ befinden, dass bei diesem Kernthema der Digitalisierung offenbar so gut wie keine Wettbewerbsfähigkeit besteht? Natürlich spielen internationale Terrororganisationen und Mafia-Syndikate aus datenanalytischer Perspektive in einer anderen Gewichtsklasse als Softwareprogramme zur Kriminalitätsprävention in Wiesbaden. Für letztere gibt es auch bereits erfolgreich getestete Piloten in München bzw. Mittelfranken und Berlin, zum Beispiel von Anbietern wie ifmpt, Ava oder Kivu. Offenbar war aber keiner dieser ebenfalls professionellen Big Data Experten informiert, fähig oder willens, gegen Palantir zu pitchen. Spontan komme ich auf zwei gute Gründe dafür, falls die Ausschreibung dort bekannt war:

1) Netzwerktechnisch gesehen sind beim Thema Terrorbekämpfung Geheimdienstbehörden in den USA, UK und Israel keine Datenkraken, sondern Walfische – Interpol und EU-Behörden jedoch allenfalls kleine Haie. Wer effektive Ergebnisse will, hängt sich also besser gleich als Putzerfisch des Putzerfisches an einen Wal. Und in dieser Liga spielt nun einmal kein privates Analytics-Unternehmen in Europa.

2) Die Generation-Y-Geeks des Wettbewerbs hatten ein super Angebot sendebereit im Mail-Ausgang, googelten dann aber noch schnell „Hessen Frankfurt Bedrohung“. Nach zwei drei Klicks ging es zu diesem Video, was Terror-Bedrohungen nicht mehr ganz so dramatisch erscheinen lässt.

Main Brudaa waiss wo Du ainloggst

Spaß beiseite – die Fähigkeit, Cyber-Security-Technologien zum Schutz der Bürger auf Spitzenniveau zu entwickeln, sollte nicht einem mutmaßlichen „Weltmarktführer“ überlassen werden. Dass die deutschen „Startup-Hotspots“, also Berlin, NRW und München hier vielleicht qualitativ, ganz sicher aber quantitativ extrem schlecht aufgestellt sind, halte ich für beschämend. Womöglich liegt es auch am Zeitgeist, nach dem Digitalisierung vor allem in Kontexten wie Online-Shoppen, Pizza-Delivern, Scooter-Sharen und nicht zu vergessen Website-Relaunchen „das Ding“ ist. Smartcore-Themen halt, die viel Aufmerksamkeit und Arbeitszeit beanspruchen, aber mit dem harten Kern der Digitalisierungs-Disruptionen in der Gesellschaft – etwa eben bei Bürgerrechten und Sicherheit – wenig bis keine Schnittpunkte haben.

Nur: während wir uns darüber aufregen, dass die NSA unsere Facebook-Posts mitlesen könnte und „geheimnisumwitterte“ Unternehmen wie Palantir vielleicht das über uns wissen, was wir längst via Zalando und Airbnb rumposaunt haben, schläft das Verbrechen nicht. Im Gegenteil, seit den letzten Jahrzehnten verlagert sich die organisierte Kriminalität ebenso bewusst wie hochprofessionell auf Cybercrime-Aktivitäten, allen voran auf den Identitätsdiebstahl. Eine deutlich sichtbare, umfassende Aufklärung der Öffentlichkeit hierzu bleibt in Deutschland jedoch genauso aus wie signifikante Investitionen, damit der Staat seine Bürger langfristig schützen kann. Stattdessen wird über den „gläsernen Bürger“ debattiert oder der Streifenpolizist bejammert, der aufgrund von Softwareinvestitionen im Viertel fehlen könnte. Eine besorgniserregende Kurzsichtigkeit, die jedem Cyber-Syndikat in die Hände spielt.

André Nowak

Quellen:

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/palantir-software-polizei-hessen-kauft-bei-umstrittenem-us-unternehmen-a-1201534.html

http://www.zeit.de/digital/2018-04/palantir-software-hessen-kriminalitaet-islamismus-cambridge-analytica

https://ausschreibungen-deutschland.de/418472_Analyseplattform_zur_effektiven_Bekaempfung_des_islamistischen_Terrorismus_und_der_schweren_und_2018_Wiesbaden

http://www.handelsblatt.com/my/unternehmen/it-medien/palantir-chef-alex-karp-was-der-geheimnisvolle-neue-aufseher-bei-axel-springer-vorhat/21187390.html?ticket=ST-8096602-pklgUfYuMAfzpWfbEbdA-ap2

https://www.wired.com/story/how-peter-thiels-secretive-data-company-pushed-into-policing

https://www.gruenderszene.de/allgemein/palantir-springer-aufsichtsrat

https://www.youtube.com/watch?v=1DAUTBFPrU0

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