“Schuld und Sühne” lautete im Deutschen jahrzehntelang der Titel von Dostojewskis bekanntestem Roman. Erst seit kurzem heisst das Buch “Verbrechen und Strafe” – So, wie es im Original schon immer hiess. Darüber, warum die frühere Übersetzung so war wie sie war, habe ich lange gerätselt.

Denn der Unterschied ist gewaltig. Schuld und Sühne sind ethisch-theologische Kategorien. Verbrechen und Strafe rechtstaatlich-rationale, objektive Kategorien – man hat es nicht mit konvertierbaren Währungen zu tun. Und das dürfte natürlich auch den Generationen von Übersetzern klar gewesen sein.

Die Titelwahl hatte also vor allem damit zu tun, wie man den Text primär lesen wollte: Als Kriminalgeschichte eines brutalen Mordes und verbrecherischen Wahns, oder als theologische Parabel einer Katharsis nach dem Muster von Dantes Göttlicher Komödie. Offensichtlich entschied man sich für das Letztere, bis vor kurzem.

Die Frage der Lesart ist strategisch und bestimmt die Wahl der Mittel – das erleben wir gerade im Umgang mit dem IS. Auch hier gibt es zwei nicht konvertierbare Währungen. Die eine postuliert einen nach objektiven Kriterien zutiefst verbrecherischen und faschistoiden Feind, den man vernichten muss. Die andere setzt bei einer Selbstanalyse des Westens an und fragt letztlich nach der eigenen Schuld am Entstehen des IS – Beliebigkeit, Atheismus, Wertemangel, etc.

Natürlich sollte man sich beider möglichen Lesarten bewusst sein. Das Problem ist nur: Am Ende kann man dem Buch nur einen Titel geben.