Perspektiven

Reloaded XVIII: Berechne die Welt!

Terroranschläge, geschehene und mögliche, produzieren eine diffuse, tief greifende Angst. Soziale Phänomene wie PEGIDA, die sich den etablierten Kategorien entziehen und üblichen Diskursregeln verweigern, irritieren uns – wir können sie nicht systematisch abarbeiten.

In den letzten Wochen gab es durchaus breit angelegte Versuche, diese Entwicklungen zu beschreiben und zu werten. Und dennoch: Das Reaktionsmuster von Politik, Medien und Gesellschaft ist vor diesem Hintergrund zunehmend ein statistisches:

Auf unstrukturierte Bedrohungen wird mit überstrukturierten Zahlenspielen reagiert. 20.000 PEGIDA-Demonstranten in Dresden? 25.000 Antidemonstranten in Leipzig. Droht die Islamisierung Deutschlands? Nein, denn es gibt nur 3.897.237 Muslime. 17 Tote in Frankreich? 1.124.538 Teilnehmer der Trauerdemonstration, darunter 12,6 Staatschefs. Aus Belgien kommen 2,654 Dschihadisten pro 100.000 Einwohner, während es in Slowenien nur 0,821 sind. Al Quaida hat 5 tausend Likes und 50 tausend Dislikes. Jeder Einwanderer kostet den Staat 342,70 Euro.

Aber die Millionen Trauergäste machen die 17 Toten von Paris nicht lebendig. Und 25 tausend Gegendemonstranten lassen sich nicht mit 20 tausend PEGIDA-Demonstranten verrechnen. Diffuse Ängste lassen sich nicht durch Fakten entkräften.

Zahlen, Daten, Fakten: Statistiker haben Oberwasser. Basierend auf breitem Konsens haben sie die Aufgabe übernommen, die Welt zu erklären. Vielleicht liegt es an der Ökonomisierung unseres Lebens. Vielleicht aber auch daran, dass klassisches politisches Denken und unsere etablierten Erklärungsstrategien nicht mehr über das Potenzial und die Attraktivität verfügen, Sinnzusammenhänge jenseits von simplen Zahlenspielen zu liefern. Bei aller Kritik, die quantitative Wissenschaften nach der globalen Finanzkrise erfahren haben, gilt das 35 Jahre alte Diktum des großen norwegischen Philosophen Jon Elster mehr als je zuvor: “In der alten Rivalität zwischen Soziologie und Ökonomie befindet sich heute die Soziologie auf der Verliererseite”. Das sollte Anlass zur Sorge sein.

Dimitrij Naumov

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