Perspektiven

Reloaded XVI: Happy Scandics Change Strategy

Wie man den „state of a nation“ misst, darüber wird seit einigen Jahren intensiv debattiert. Klar ist inzwischen, dass das BIP nicht ausreicht, um zu ermessen, wie es einem Land, einer Nation geht. Also hat sich die internationale Gemeinschaft von dieser sehr konkreten Zahl ans andere Ende des Spektrums begeben: Sie sucht nach dem Glück. Die UN gibt seit zwei Jahren den „World Happiness Report”  heraus, eine Glücksrangliste der Länder, und Coca Cola hat – man lese und staune – das „Happiness Institut“ gegründet, damit Deutschland (Platz 26) sich endlich aus dem Cluster anderer nur so mittelglücklicher Länder wie Paraguay, Polen und Peru befreit und zu den so richtig glücklichen Skandinaviern, Kanadiern, Neuseeländern und Schweizern (merkwürdigerweise auch Österreichern) aufschließt. Pisa lässt grüßen.

Wie misst man aber Glück? Die UN tut dies vor allem anhand der Kriterien BIP pro Kopf, Dauer eines gesunden Lebens, sozialer und familiärer Rückhalt („having someone to count on”), wahrgenommene Wahlfreiheit für Lebensentscheidungen, Korruptionsfreiheit und Großzügigkeit. Kriterien also, die gar nicht mal besonders esoterisch anmuten. Einerseits. Andererseits wird jeder, der einige dieser glücklichen Länder mal bereist hat, die Logik der Auswahl durchaus nachvollziehen können. Natürlich bleibt diese Einteilung nicht unwidersprochen, erst recht nicht von den Skandinaviern selbst. Und sicher gibt es noch eine ganze Reihe anderer Faktoren, die glücksfördernd sind, die vom UN-Bericht nicht berücksichtigt, oder unter oben genannte subsumiert werden.

Egal. Lassen wir Coca Cola an unserem Glück arbeiten und fragen uns lieber, ob sich aus dieser Statistik, oder auch aus der Beobachtung der Glücksländer überhaupt, Schlussfolgerungen für die Gestaltung und Veränderung von Unternehmen ziehen lassen. Denn es steht ja außer Frage, dass glückliche Mitarbeiter für ein Unternehmen nicht das schlechteste sind. Ich stelle folgende sechs Thesen zur Diskussion:

  1. Glück braucht Platz. Die meisten Glücksländer sind dünn besiedelt. Aus einer stressigen deutschen Großstadt kommend, fallen die Entspanntheit und die Abwesenheit von Verkehrskollapsen selbst in Metropolen wie Stockholm oder Kopenhagen frappant auf. Menschen brauchen Platz zum Atmen – nicht nur im übertragenen Sinne. Rücken sie sich permanent gegenseitig auf die Pelle, entstehen Stress und Aggression, aber keine Kreativität.
  2. Glück braucht eine gesunde Ökologie. Selbst bei den Glücksländern in Mitteleuropa ist die weitgehende Intaktheit der Ökosysteme augenfällig. Zu einem gesunden Ökosystem gehören aber nicht nur staubige Büropflanzen, sondern eine bauliche, organisatorische und prozessuale Struktur, die Bürostunden nicht als „Exil vom Leben“ empfinden lässt. Ökologie lässt sich aber auch in einem übergeordneten Kontext lesen – als das aktive Erhalten und Fördern der lebenswerten Bedingungen, natürlicher und sozialer Art.
  3. Glück gibt’s nur in kleinen Organisationseinheiten. Alle skandinavischen Länder zusammen bringen es gerade mal auf eine Bevölkerungszahl von 25 Millionen – verteilt auf 7 Länder und autonome Gebiete. Und auch Österreich, Schweiz, Australien und Neuseeland sind im globalen Vergleich Winzlinge. Kleinere Einheiten sind besser verwaltbar, können schneller notwendige Veränderungen umsetzen, haben ein dichteres Interaktionsnetz und eine wesentlich höhere soziale Konvergenz als Riesenländer – oder Unternehmen.
  4. Glück braucht Vertrauen. 74% der Norweger, 64% der Dänen und 60% der Finnen glauben, dass man anderen Menschen vertrauen kann – die mit Abstand höchsten Werte weltweit. Das Vertrauen ist eine andere Ausprägung von „somebody to count on“. Die absolut kritische Rolle des Vertrauens bei der Reduktion sozialer und wirtschaftlicher Komplexität und der Förderung von Innovationen ist wissenschaftlich hinreichend erforscht – die Realität in den meisten Unternehmen sieht jedoch ganz anders aus.
  5. Glück braucht Offenheit. Die meisten Glücksländer gelten auch als Meister der Globalisierung. Nach manchen Schätzungen stellen sie sogar die Hälfte der Top-15 auf der internationalenGlobalisierungsskala . Um ihren Wohlstand zu halten, müssen sie zwangsläufig über ihre kleinen Binnenmärkte hinausdenken – was sie mit beachtlichen Erfolg auch tun. Die damit verbundene Offenheit sorgt für einen ständigen Zufluss neuer Ideen und die Notwendigkeit, sich an globalen Benchmarks zu messen. Und nicht zuletzt verhindert die Außenorientierung einen zu starken lock-in und das Köcheln in der eigenen, durch einen hohen BIP gut gewürzten Suppe.
  6. Glück braucht Selbstbestimmung. Nirgendwo füllen sich die Menschen so frei, ihr Leben selbst zu gestalten, wie in den nordischen Ländern und in Kanada. Mit dem abgegriffenen Gerede vom „Unternehmer im Unternehmen“ hat das nicht wirklich etwas zu tun. Mit einem sehr weit gefassten Konzept von Führung – und mit Vertrauen! – dagegen schon.

Viele Change-Projekte und Change-Strategien kranken erfahrungsgemäß an einem Mangel von Bezugspunkten, die wirklich Neues entstehen lassen. Vielleicht bildet der “Happy Scandics”-Ansatz eine neue Perspektive.

Dimitrij Naumov

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