Perspektiven

Reloaded XV: Wir sind NSA

Die Debatte um die Datensammler und Datenverknüpfer der NSA wird mit einer Detailtiefe und technologischer Einsicht geführt, wie sie selten geworden ist. Und trotzdem sind es vor allem die blinden Flecken dieses Diskurses, die erstaunlich sind. Denn die NSA tut, vereinfacht gesagt, nichts anderes als jeder von uns – Individuen, staatliche Einrichtungen, Unternehmen. Der Mensch war schon immer ein Datensammler, nichts ist ihm erstrebenswerter als die göttlichen Eigenschaften der Allmächtigkeit, Unsterblichkeit und, ja, Allwissenheit.

Die Faszination, die katalogisierbares, umfassendes Wissen erzeugt, ist seit Jahrtausenden ungebrochen. Die zunehmenden Sammlungs-, Vermessungs-und Katalogisierungs-Skills sind sogar konstitutiv für die moderne Zivilisation. Jeder von uns ist eine kleine NSA, durch unser Spiel mit der Verknüpfung und Vervollständigung der Outlookkontakte, XING- und LinkedIn-Profile und CRM-Datenbanken. Der technologische Fortschritt und die Performanz der Algorithmen macht die NSA zum großen Datenmonster  – und uns alle zu einer Heerschar kleiner Datenmonster, der heute Tools für lau zur Verfügung stehen, die vor nicht mal zehn Jahren nur Großkonzerne im Arsenal hatten.

Man darf auch nicht vergessen, dass die präventive Aushebung potenziell gefährlicher, faktisch aber völlig unschuldiger Menschen kein NSA-spezifischer Sündenfall ist: Wir alle haben unsere kleinen Vorurteile und Algorithmen, etwa wenn wir Bewerbungsunterlagen im Schnellverfahren sortieren. Von Elias Canetti stammt die Bemerkung, dass das Geheimnis im Zentrum der Macht ist. Und deshalb streben wir alle danach, diese Macht unserem Nächsten zu entreißen. Die Nachbarn auf dem Dorf sind schlimmer (viiiel schlimmer) als jede NSA: Sie wissen alles. Und setzen hochkomplexe Strategien ein, um dieses Wissen zu erlangen.

Man mache sich nichts vor: Die NSA ist eine Art Cyborg, eine technologisch verstärkte Mensch-Maschine, die mit Zettabytes an Speicherplatz und mächtigen Prozessoren Gott spielen, allwissend werden will. Nur diese technischen Möglichkeiten unterscheiden sie von jedem von uns.

Der Ruf nach politischen Lösungen zur Kontrolle der Geheimdienste (wer kontrolliert eigentlich die Sammelwut der Finanzämter, Schulen und Krankenkassen?), die absurde Forderung nach einer europäischen Cloud und die Anrufung hoher Moral in der Big Data Diskussion ist deshalb zutiefst albern. Vor allem aber führen sie nirgendwohin. Denn das zutiefst menschliche Streben nach Allwissenheit, der Versuch verborgene Muster im Offensichtlichen zu erkennen, ist älter, als die Protagonisten der Debatte und ihre Gesetzesinitiativen jemals werden könnten. Man muss diese Realität, diesen Wissenskampf aller gegen alle, akzeptieren. Man sollte nur sehen, dass die eigenen Waffen gut geschliffen sind.

Dimitrij Naumov

Reloaded