Perspektiven

Reloaded IXX: Lob des Mittelmanagements

Die Macht in Organisationen soll von denjenigen, die sie einfach haben, hin zu denjenigen, die Werte schaffen wegfliessen – diese Vorstellung gewinnt in keynote speeches, Leitartikeln, Management-Büchern und Guru-Interviews immer mehr an Einfluss. Der Feind ist dabei schnell ausgemacht: Die Managerkaste mittlerer Hand, die sich an die Macht klammere, im alten Denken verhaftet sei und keine Antwort auf die digitale Disruption, kein Verständnis für die Kreativökonomie habe.

Wenn Unternehmen 500 Werker entlassen, ist das öffentliche Gejammer gross. Wird eine ganze Ebene des Mittelmanagements wegrasiert, überwiegen Häme und Genugtuung.

Dies ist nicht nur auf ethischer und volkswirtschaftlicher Ebene fragwürdig,  sondern lenkt den Blick von den wirklichen Losern ab, die im Top-Management sitzen. Denn wer einen Haufen gut ausgebildeter und erfahrener Leute auf die Strasse setzt, hat keine Strategie, keine Idee für die Zukunft, keine Motivationskraft, kein Durchsetzungsvermögen – und will davon ablenken: So befand sich zum Beispiel die von Peter Löscher beschimpfte “Lehmschicht” nicht in der mittleren Führungsebene, sondern in seinem Kopf. Entsprechend wenig hat ihm und seinen Brüdern im Geiste die Schleifung der mittleren Ebene geholfen. Solche dumpfbackigen Worte würde man von einem Elon Musk, Tim Cook oder Lakshmi Mittal nicht hören. Und auch nicht von wirklich erfolgreichen Mittelständlern.

Und mal ehrlich: Ein Start-up lässt sich vielleicht ohne Bereichs- und Abteilungsleiter führen. Aber ein Konzern? Ganz sicher nicht. Vielmehr ist es doch so: Gerade heute, da Arbeitsformen und Wertschöpfungsprozesse komplexer, dynamischer und offener werden, und jeder Experte zunehmend sein eigenes Süppchen kocht und sein individuelles Marketingcenter betreibt, brauchen wir eine starke operative Führungsschicht mit ausgeprägten Stärken in Leadership und Management. Deswegen ist auch Gary Hamels viel zitierter Aufruf “First, let’s fire all the managers” (HBR, Dez. 2011) realitätsfernes Theoretisieren – im besten Fall.

Das Problem sind nicht schlechte, oder überflüssige Mittelmanager. Das Problem sind schlechte CEOs, die nicht in der Lage sind, Strukturen und Kulturen zu schaffen, die der zweiten Managementebene Flügel verleihen.

Reloaded