Es ist schlimm, Kellyanne Conway und dem Rest des Trump-Teams bei der Verbreitung alternativer Fakten zusehen zu müssen. Und es ist verständlich, wenn die New York Times in einem wütenden Kommentar schreibt, dass Donald Trump im Krieg mit der Wahrheit und nicht mit den Medien ist. Aber so einfach ist es nicht. Denn: Trump & Co erzählen teils dreiste Lügen. Im grösseren Kontext aber hat Frau Conway, man mag es hören wollen oder nicht, gar nicht mal so unrecht. Denn natürlich sind alternative Fakten kein Exklusivformat von Trumps Truppe.

Seit geraumer Zeit erleben wir eine Ummünzung von Meinungen in Fakten. Je komplexer unsere Welt wird, desto mehr werden die Fakten durch Meinungen ersetzt, die dann wiederum als Fakten camoufliert werden. Was erstens dazu führt, dass jemand, der diese Meinungen anzweifelt, für bekloppt, oder radikal, oder beides erklärt wird. Wie jemand, der an die Erde als Scheibe glaubt. Und zweitens dazu, dass Meinungen zunehmend verschwinden: Was nicht als Fakt daherkommt, ist irrelevant. Also werden Zahlen konstruiert, um Meinungen zu stützen und sie in Fakten zu verwandeln. Und wenn keine zur Hand sind, werden halt alternative erfunden. So schliesst sich der Kreis.

Fragwürdig sind nämlich nicht nur Trumps Zahlen. Das ganze Narrativ der alternativen und systemrelevanten Dinge ist das beste Beispiel. Was den Sinn oder Unsinn der EU, des Euros, des Betreuungsgeldes, die Auswirkungen des Brexits und des Mindestlohns, der Islamisierung oder Nichtislamisierung, der gleichgeschlechtlichen Kindererziehung und des Internets der Dinge betrifft – echte Fakten sind brutale Mangelware. Wir haben es auf breiter Front mit Meinungen, Schätzungen und moralischen Sets zu tun – nur dürfen sie nicht als solche daherkommen. Denn diese eröffnen – im Gegensatz zu Fakten – Diskussionsfelder, die nicht allein durch mathematische Begriffe abgearbeitet werden können.

An Diskussionen indes hat niemand Interesse, erst recht niemand, der Interessen hat. Ergo werden Fakten und Axiome gesammelt oder erschaffen und künstliche Invarianzen konstruiert. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist das Verständnis für den Bedeutungsüberschuss der Wahrheit, dafür, dass Wahrheit eben sehr viel uneindeutiger  und komplexer ist, als 2+2=4. Quid est Veritas? Das Dilemma des Pontius Pilatus erklärt sich eben aus der Tatsache, dass mathematische Richtigkeit und Gesetze nicht ausreichen, um zur Wahrheit vorzudringen. Sich von diesem Dilemma plagen zu lassen ist unsere Gesellschaft, sind ihre Institutionen, immer seltener bereit: Wir münzen lieber Meinungen zu Fakten und Fakten zu Wahrheiten um.

Trump & Co verdrehen ganz offensichtlich die Tatsachen. Aber wir alle haben die Grenzen zwischen Fakten und Meinungen korrumpiert und ihm so das Feld bereitet. In diesem Sinne ist es eher der Zynismus und die Grobschlächtigkeit der Trump-Leute die einen wütend machen als die alternativen Fakten selbst. Die Wahrheit aber haben weder Trump noch die Times exklusiv gepachtet.

Dimitrij Naumov

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