Non-Storytelling


Non-Storytelling ist die Verhinderung einer Geschichte. In der Politik kennt man die „Non-Decision Making Power“. Das Konzept entstand vor 45 Jahren aus der Analyse des politischen Agendasettings in den USA. Die Soziologen Peter Bachrach und Morton Baratz haben es in dem bahnbrechenden Aufsatz „Decisions and Nondecisions: An Analytical Framework“ präsentiert. Bei diesem Begriff haben wir in Deutschland gleich ein bestimmtes Bild vor Augen. Aber Non-Decision Making ist eben nicht die Fähigkeit, Themen auszusitzen und sich um Entscheidungen herumzudrücken. Es geht darum, bestimmte Themen erst gar nicht auf die Tagesordnung kommen zu lassen, sie unsichtbar zu machen. Die Entscheidungsträger  sollen das leidige Thema und diejenigen, die das vorbringen, erst gar nicht als relevant wahrnehmen.

Non-Storytelling: Zugang zur Agenda versperren

In Marketing und Kommunikation bedeutet Non-Storytelling, eine ganz bestimmte Art der Kommunikation aufzusetzen – ein Storytelling des Totschweigens. Diese Abart des Storytelling läuft parallel zur eigentlichen Kommunikation, bei der für das eigene Unternehmen, die eigene Marke, oder die eigenen Produkte ein positives Storytelling initiiert wird. Der „dunkle Bruder“ hat dagegen die Aufgabe zu verhindern, dass Wettbewerber überhaupt die Chance bekommen, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Non-Storytelling soll Gegenspielern kommunikativ den Boden entziehen, damit Ansprüche nicht angemeldet, „Mitspielberechtigungen“ nicht angezeigt, oder bestimmte Weltsichten nicht zur Diskussion gestellt werden können. Non-Storytelling ist eine Art selbsternannter Türsteher der Entscheider-Agenda, der am liebsten im Schatten bleibt. Auch er bedient sich der Instrumente wie Werbung, Social Media Kampagnen, oder PR. Nur verfolgt das Non-Storytelling damit ein Ziel, das dem Wesen der Kommunikation (communicare = teilnehmen lassen) maximal entgegenläuft.

Non-Storytelling und die Offenlegung der Macht

Das Non-Storytelling ist – genau wie das Non-Decision Making – ein Machtphänomen. Und die Macht bleibt bekanntlich gerne im Dunklen. („Im Zentrum der  macht ist das Geheimnis“,  schrieb Elias Canetti). Donald Trump hat einen kaum zu überschätzenden Teil seines Wahlsieges der Tatsache zu verdanken, dass er die Macht des Non-Storytelling ausgeleuchtet hat. Er konnte gar nicht laut genug darauf hinweisen, dass die publizistischen Schwergewichte des Landes ganzen Bevölkerungsschichten den Zugang zur Arena entzogen hatten.

Diese Offenlegung der Macht erwies sich als eine mächtige Waffe. Selbst die brillantesten Köpfe der intellektuellen Elite der USA konnten keine Antwort darauf finden. Sie wurden selbst sprachlos, ihre eigenes Storytelling funktionierte nicht mehr. Nun müssen sie darauf vertrauen, dass der Präsident sich selbst eliminiert. Denn es gelang Trump ihr wichtigstes Kapital – Objektivität und Integrität – zu kompromittieren.

Wem gehören die Daten – Non-Storytelling in Deutschland

Ein geradezu paradigmatisches Beispiel des Non-Storytelling liefern gerade die Automobil-Konzerne, Automobil-Vereine, Automobil-Versicherer und IT-Dienstleister. So fordert die Allianz die Einsetzung eines Datentreuhänders, der über die von hochautomatisierten Fahrzeugen generierten Daten wacht. Denn die OEMs wollen all die wertvollen Daten auf ihre eigenen Server packen. Und das stinkt den anderen Teilnehmern des Automotive-Ökosystems gewaltig. Wichtig sei es, „dass weder die Autohersteller, die Versicherer noch andere beteiligte Interessengruppen einen exklusiven Zugang auf die Daten erhalten“, wettert der Allianz-Vorstand Joachim Müller, der sich nicht zum Bittsteller bei Audi, BMW & Co. degradieren lassen will.

Müssig zu sagen, dass auch der ADAC, der TÜV, die Zulieferindustrie, die Silicon Valley Giganten und die vielen agilen Daten-Startups zu diesen Interessengruppen zählen.

Und jetzt kommt das Non-Storytelling ins Spiel. Denn wer zählt offensichtlich nicht zu den „Interessengruppen“? Absurderweise genau diejenigen, die diese Daten produzieren – die Autofahrer.

Deren möglicher Eigentümeranspruch, ihre Bedenken den Schutz der Privatsphäre betreffend, ihr Recht auf Nicht-Transparenz fallen dem Non-Storytelling zum Opfer. Die erwähnten Gegenspieler haben eine Arena errichtet, in der sie lautstark ihre jeweiligen Stories gegeneinander ins Feld führen können. Die Autofahrer haben dabei nicht nur keine Chance mitzuspielen – sie kommen nicht einmal als „Interessengruppe“ in der Diskussion vor. Sie werden nicht einmal erwähnt. Sie sind, um mit Dostojewski zu sprechen, „aus der Geschichte herausgefallen“.

Kein Wunder, denn eines können die ganzen lautstarken Interessengruppen nicht brauchen: Jemanden, der für alle hörbar daran erinnert, dass sie sich um etwas streiten, was einem Dritten gehört.

 

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Mehr Informationen.

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close

Telefon: +49 (0)89-178 766 – 67
E-Mail: info@wyze.de
Haben Sie Fragen?
Dann kontaktieren Sie uns!