Eher am Rande bemerkt Jakob Wassermann in seiner Autobiografie, dass das Ideal des späten achtzehnten Jahrhunderts das Genie, des späten neunzehnten aber das Talent sei. Darin sieht er eine Verflachung und Banalisierung des geistigen und öffentlichen Lebens. Steile These? Vielleicht. Aber denkt man sie weiter, könnte man überlegen, was heute so los ist, in Sachen Ideal. Das Ideal des späten zwanzigsten und des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts ist gewiss der Performer.

Was macht der Performer? Er performt eben: Läuft, delivert, leistet, liefert ab, setzt um, erreicht Produktivitätsbenchmarks und matcht die KPIs gegen seine Performance. Der Performer ist ein physikalisches Ideal. Er macht besser, länger, härter und mehr. Was der Performer nicht macht: Er schafft nichts Neues. Nicht im Kleinen und nicht im Großen. Aber darum geht es auch nicht: Der Performer muss in Bewegung bleiben, Projekte managen, Bälle zurückspielen und aus immer gleichen Legosteinen immer schneller Burgen bauen. Und wenn er das nur zackig genug tut, ist er gut. Seine Steuerungsgröße ist der Output. Das Ideal des Performers ist so mächtig, dass es weite Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfasst hat: Vorschulkinder, Alte und Hausfrauen, Klinikärzte und Wissenschaftler, Verwaltungsbeamte und Sportler, Angestellte und Manager.

Ist Performance der Key Differentiator? Natürlich nicht. Das deutsche Wirtschaftswunder zum Beispiel verdankt sich gestern wie heute nicht den Performern, sondern den Erfindern. Von wegen Produktivität und Lohnstückkosten. Langfristig stabile und positive öffentliche Images verdanken sich nicht einer Clipping-Flut, sondern einer Story. Die Millionen von Ingenieuren, die in China täglich produziert werden, erhöhen nicht die Zahl der Chinesen unter den Nobelpreisträgern.

Schon wahr, man muss Neues auf die Straße bringen. Entscheidend ist aber das Neue, nicht das Bringen. „Leistung ist ordinär“, sagt eines der hochadeligen Monster von Edward St Aubyn in einer krassen Umkehrung der herrschenden Performance-Dogmen. Das ist denn doch zu heftig. Allerdings: Leistung ohne Idee ist in der Tat – ordinär.

Dimitrij Naumov