Facebook: Story und Fremdheit

Die Story, die Mark Zuckerberg immer erzählt hat, war sehr simpel – und deswegen genial. Facebook war das ultimative Medium um Menschen weltweit miteinander zu verbinden. Eine wahrhaft globale Plattform, die zudem auch völlig demokratisch war – denn jeder hat mit einem Kapital gezahlt, das gleichverteilt war – mit Daten. Facebook war kein elitärer Club und keine rassistische Bude – sondern eine Spielwiese, auf der neues ausprobiert wurde und ausprobiert wird. Facebook war die wirkliche, großartige und außergewöhnliche Zündung für das Zeitalter der sozialen Medien. Und zehn Jahre lang war dieses Storytelling wirksam. Was ist also passiert, dass Facebook wegen der kriminellen Manipulation einzelner Nutzer derart ins Taumeln gerät?

Storytelling im District 9

Facebook wurde ein Opfer seiner eigenen Story. Denn irgendwann verstand jeder, dass er die Silicon Valley Welt nicht verstand. Trotz all der Lehrstühle, Analysen, Einblicke, Biographien und Anklageschriften blieben die kalifornischen Konzerne so fremdartig, wie ein Aliencamp, ein blühendes District 9. In diesem Moment verlor die Story die Verbindung zum Erzähler und das Storytelling seine Funktion als Brücke zur Welt. Diese Erfahrung, die plötzliche Erkenntnis der Fremdheit, hat Camus eindringlich im „Mythos des Sisyphos“ beschrieben:

Die Fremdheit: wahrnehmen, dass die Welt ‚dicht‘, ahnen, wie sehr ein Stein fremd ist, auf nichts zurückzuführen, und mit welcher Intensität die Natur oder eine Landschaft uns verneinen kann. In der Tiefe jeder Schönheit liegt etwas Unmenschliches, und diese Hügel, der sanfte Himmel, die Umrisse der Bäume – sie verlieren im Augenblick den trügerischen Sinn, in den wir sie hüllten, und sind von nun an ferner als ein verlorenes Paradies“.

Mark Zuckerberg: Mimikry und Fremdheit

Fremd wirken nicht nur das Valley selbst, sondern auch seine Hauptprotagonisten, die Generation der digitalen Superstars, die nach Jobs und Gates kam. Ihr Wertesystem und ihr Weltbild, die Verbindung von Hypermodernität und fast renaissancegleicher Attitüde lösen ein tiefes Unverständnis außerhalb des Valley-Biotops aus. Mark Zuckerberg war schon immer der seltsamste von ihnen allen. Daran konnten weder seine öffentlich zelebrierte Familiengründung, noch seine karitativen Bemühungen, weder seine Jahresinitiativen, noch sein Eintreten gegen Donald Trump etwas ändern. Das alles wirkte und wirkt wie Mimikry. Ebenso wie die exponierte Positionierung der beeindruckenden Sheryl Sandberg letztlich als taktisches Manöver wahrgenommen wurde. Und nichts hassen die Menschen mehr. Wir fürchten den Wolf – aber wir verabscheuen den Wolf, der ein Schafspelz trägt, oder sich als Großmutter verkleidet.

Da wo Zuckerbergs Authentizität aufblitzte, schlug uns Fremdheit entgegen. Es ist also kein Wunder, wenn nun aus allen Rohren geschossen wird. Das Ziel ist dabei nicht Facebook per se – sondern eine spezifische Art des Fremden, für die Facebook lediglich eine der Metaphern ist. Es ist also kein Zufall, wenn selbst ein angesehener Wissenschaftler wie der St. Gallener Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner, in ökonomisch völlig abwegiger Weise von einem „neuen Plattformkapitalismus“ spricht, den Facebook und Cambridge Analytica repräsentieren.

Kernschmelze oder Katharsis

Mark Zuckerberg hat die Tragweite der Fremdheitserfahrung, die sein Unternehmen der Welt vermittelt, vollkommen unterschätzt. Er hat unterschätzt, wie stark und lebendig die Abscheu und Angst vor dem Fremden auch im 21sten Jahrhundert ist. Er hat den Zeitpunkt verpasst, an dem die initiale Facebook-Story ein umfassendes und vor allem entschlossenes update gebraucht hätte. Und er hat sein persönliches Storytelling zu spät und nur sehr zaghaft verändert. Das, und nicht die Filterblasen und Datenlecks könnten die Kernschmelze auslösen. Es kann aber auch sein, dass die aktuelle Situation für Facebook zu einer Katharsis wird. Dass die nun ausgelösten Prozesse dafür sorgen werden, dass Facebook den Anschluss an die Welt außerhalb der Tech-Bubble wiederfindet. Das wäre dem Unternehmen, uns allen und auch Mark Zuckerberg zu wünschen.

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