„Es ist nicht fruchtbar, künstliche Intelligenz auf menschliche Intelligenz zu reduzieren.“


Der Philosoph und Literaturtheoretiker Armen Avanessian gehört heute zu den renommiertesten Denkern Deutschlands. Mit uns sprach er über die Nützlichkeit von Wissen, die Denkfehler im Umgang mit Künstlicher Intelligenz und darüber, warum er sich von Managementtheorien inspirieren lässt.

WYZE: Herr Avanessian, Pragmatismus und Operationalisierbarkeit scheinen heute die vorherrschenden Kriterien zu sein, um Wissen zu bewerten – insbesondere in der Wirtschaft. Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen Wissen und Nützlichkeit?   

Armen Avanessian: Man kann ja eine Reihe paralleler Begriffspaare bilden. Theorie und Praxis, beispielsweise, oder Denken und Tun. In meiner Sprache würde man sagen, dass man diese Begriffe dekonstruieren muss, weil das eigentlich keine Gegensätze sind. So ist gute Theorie beispielsweise von vornherein auf Veränderung ausgelegt und jede Praxis hat eine unterlegte Theorie. Bei Wissen und Nützlichkeit würde ich auch hinterfragen, was eigentlich das Gegenteil von nützlichem Wissen ist. Ist es ein schädliches Wissen? Oder eher unnützes Wissen, das keine Traktion in der Realität hat? Dem zweiten begegne ich oft im akademischen Umfeld, das Schädliche ist auf der Seite derjenigen, die weitreichende Entscheidungen treffen, beispielsweise in Wirtschaft und Politik, da kann ein bestimmtes Wissen, das wirksam wird, tatsächlich schädlich sein.

WYZE: Was bedeutet es vor diesem Hintergrund, wenn ein Wissen nützlich oder schädlich ist?

Armen Avanessian: Jenseits der Begriffsakrobatik muss man die Frage stellen, ob es formale Kriterien gibt, um bestimmen zu können, wann es sich um eine Form von Wissensproduktion handelt, die fortschrittliche, progressive Elemente hat. Eine Wissensproduktion, die lösungsorientiert ist und Potenziale eröffnet, statt sie zu verschließen. Je nach Feld lassen sich solche Kriterien finden und evaluieren. Beispielsweise im Feld der künstlichen Intelligenz. Gibt es hier ein Denken, das so weit weg ist von den technologischen Realitäten ist, dass es unnütz ist, oder auf so falschen Prämissen basiert, dass es sogar schädlich ist?

So wird zum Beispiel im Umgang mit der KI häufig eine Form von Intelligenz imaginiert, die deren Potenzial beeinträchtigt, weil sie künstliche Intelligenz auf menschliche Intelligenz reduziert. Die zugrunde liegenden anthropomorphen Modelle behindern die Entwicklung und produzieren Ängste. Und es ist ja auch überhaupt nicht fruchtbar. Nach der gleichen Logik könnte man versuchen ein Flugzeug zu konstruieren, das wie eine Amsel mit den Flügeln schlägt. Egal ob man das jetzt als unnützes oder schädliches Wissen bezeichnet, in jedem Fall ist es ein Wissen, das die technologische Entwicklung in eine falsche, ineffiziente und ineffektive Bahn lenkt.

Ein anderes Feld ist beispielsweise die Klimapolitik. Hier kann man im Hinblick auf Nützlichkeit eine andere Frage stellen: Nämlich, nützlich für wen? Wissen ist ja nie objektiv, sondern von Werten getragen, jedes Wissen ist immer schon in ein politisches, kulturelles Feld eingelassen. Und diese Wertegebundenheit ist auch für die Frage der Nützlichkeit entscheidend. Jemand, der aus wirtschaftlichen oder ideologischen Interessen den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel bestreitet, wird faktische Belege dafür nicht nützlich finden.

WYZE: In den letzten Jahren wurde mehrfach untersucht, was Top-Manager lesen. Fast immer handelt es sich um Sachbücher oder Biografien. Hier spielt das Nützlichkeitskriterium eine große Rolle. Und in der Tat: Warum sollte ich zum Beispiel Musils „Mann ohne Eigenschaften“ lesen? Was nutzt es mir in meiner Position als CEO? Sollte man die knappe Zeit darauf verschwenden?

Armen Avanessian: Es liegt jetzt nahe, dass ich die Einladung annehme und dafür plädiere, komplexe Romane wie den „Mann ohne Eigenschaften“ zu lesen. Das ist ja ein Statement in sich selber, wenn man sagt, man hat ihn gelesen. Aber vielleicht sollte ich mal versuchen, eine andere Position einzunehmen.

Natürlich denke ich auch, man sollte diesen Roman, den ich übrigens für einen der größten des zwanzigsten Jahrhunderts halte, lesen. Aber vielleicht aus anderen Gründen, nicht weil man mal zur Abwechslung entschleunigt und ineffizient einen dicken Roman liest, sondern weil man sich sogar Zeit sparen kann. Man kann etwa das Bild einer Zeit, bestimmte Situationsanalysen, was ja für Entscheidungsträger wichtig ist, in einem Roman zum Teil in einem Halbsatz haben. Das ist, was gute Literatur macht. Sie ist hocheffizient und effektiv, wenn es darum geht, Wissen, von mir aus nützliches Wissen, zu vermitteln.

WYZE: Warum dann die geringe Bandbreite der Reading Lists?

Armen Avanessian: Das Problem liegt in der Literatur selbst. Welche Medien können in einer Aufmerksamkeitsökonomie wie der gegenwärtigen noch funktionieren? Die Frage muss man sich stellen. Es ist kein Plädoyer gegen den Roman. Aber was ich meine: Es macht ja keinen Sinn darüber zu lamentieren, dass Manager die vielen tollen deutschen Gegenwartsromane nicht lesen. Vielleicht sind sie ja nicht so toll. Den Musil kann ich empfehlen, weil allein die erste Seite so viel über Sprache und Kommunikation zeigt, dass ich mir sehr viel Zeit sparen kann – wenn Manager wenig Zeit haben, muss man eben die richtigen Gegenwartsromane lesen, oder vielleicht andere Literaturformen.

WYZE: Wie sollte man unter der Prämisse der Nützlichkeit, also aus Manager-Perspektive, Literatur lesen?

Armen Avanessian: Man muss halt sehen, was man finden will. Will man zum Beispiel sehen, wie die Strukturen im Zeitalter einer anderen technologischen Disruption funktioniert haben? Wie man in extrem unübersichtlichen Situationen Entscheidungen treffen kann? Oder will man bewusst irritiert, aus einem zu stark alles prägenden Kontext hinausgeführt werden? Es würde mich reizen, eine Managementsitzung zu beobachten, oder mal drei Stunden einen Manager auf der Autofahrt zu begleiten. Und dann vielleicht eine konkrete Reading List zu erstellen. Das ist besser, als eine generelle Diskussion zu führen und abstrakte Vorschläge wie Ferndiagnosen zu erteilen. Dann kann man vielleicht mal die Kurzgeschichten von Musil lesen oder Aphorismen von Nietzsche. Oder vielleicht auch ein bestimmtes Kapitel aus dem „Mann ohne Eigenschaften“. Das kann dann helfen, sich selbst, andere und eine bestimmte Situation besser zu verstehen und zu beurteilen.

WYZE: Verschafft man sich komparative Vorteile, wenn man Wissen aus Quellen zieht, die nicht common sense sind? Also nicht den einen wichtigen gleichen Artikel aus der Wirtschaftswoche oder der Brand eins?

Armen Avanessian: Ich kenne leider zu wenige Manager, um hier eine eindeutige Antwort zu geben. Aber wenn ich bei mir selbst ansetze – also ich versuche, meine Anregungen über die Art und Weise wie ich Philosophie mache (nicht was ich mache oder sage!), eher aus der Managementtheorie, oder der Soziologie zu ziehen, oder der Technologie – und zwar viel eher, als aus der Philosophie oder der Literaturtheorie. Denn ich bezweifle sehr, dass man aus seinem eigenen Kontext mehr bekommt, als eine Verfeinerung des Paradigmas, in dem man eh schon denkt. Mich interessieren eher Paradigmenwechsel.

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