Tilo Wüsthoff hat sich als Industriedesigner auf Roboter spezialisiert. Für Unternehmen und Organisationen wie Yuanda Robotics, die ESA (Europäische Weltraumorganisation) oder das DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt) gestaltet er Robotik-Elemente, die mit Preisen wie dem reddot award oder dem iF Design Award ausgezeichnet wurden.

Herr Wüsthoff, in welchen Anwendungsfeldern der Robotik steckt besonders viel Potenzial?

Tilo Wüsthoff: Für die Fabrikhalle gilt: Roboter werden zunehmend leichter einzurichten und zu bedienen sein. Somit werden sie auch in kleineren Betrieben und bei kleineren Stückzahlen wirtschaftlich einsetzbar sein. Darüber hinaus sind nun weitere Domänen im Spiel, in die Roboter immer mehr vordringen: Verkehr, Öffentliche Einrichtungen, Haushalt, Medizin und Pflege. Neben der technischen Entwicklung auf den Gebieten Autonomie, Systemintelligenz und Safety entscheiden vor allem auch die User Experience und Usability darüber, wie schnell und stark dieses Potential ausgeschöpft werden kann.

Aus Ihrer Sicht als Industriedesigner: wie wird der Roboter zum Kollegen, den ich akzeptiere?

Tilo Wüsthoff: Wirklich spannend ist, dass ich plötzlich ein System habe, das im Raum agieren und mit dem Menschen physisch interagieren kann. Menschen beim Gehen zu stützen, Objekte anreichen und entgegennehmen, schwere Lasten gemeinsam tragen. All das sind physische Mensch-Roboter Interaktionen, die auf einem konzeptionellen Level in der Forschung bereits realisiert sind. Das ist der Kern dessen, was so neu und auch erlebbar für den Menschen ist.

Die physische und soziale Interaktion mit Robotern wird unser Alltagsleben genauso gravierend verändern, wie es die Smartphones getan haben. Smartphones haben die Möglichkeiten der sozialen Interaktion erweitert. Roboter werden die Möglichkeiten der physischen Interaktion erweitern und es vor allem Menschen ermöglichen, durch Roboter wieder am Leben teilzunehmen.

Soviel zur Theorie, wie weit ist da die Praxis?

Tilo Wüsthoff: Wir sehen ja derzeit fast im monatlichen Rhythmus beeindruckende Videos von Robotern, die immer komplexere und dynamischere Bewegungen zeigen, die herumspringen oder schwere Pakete stapeln. Doch eine echte physische Interaktion zwischen Roboter und Mensch sehen wir nach wie vor nur im Forschungslabor – und das wird in der Realität in sehr kleinen Schritten voranschreiten.

Zunächst dringt die autonome Mobilität in immer neue Kontexte vor. Von der Straße auf den Bürgersteig, in den Garten und auf den Krankenhausflur. Die kleinen Fahrzeuge können ausweichen und warten. Man kann sich einen Spaß daraus machen, ihnen den Weg zu versperren und gespannt verfolgen, ob und wie der Roboter diese Situation löst. Ernsthaftere physische Interaktionen wie eine Tür zu öffnen oder Gegenstände zu übergeben erfordern vor allem auch Kraft, zudem müssen sie sicher sein. Dies sind aber Fähigkeiten, die Menschen in ihrer gewohnten Umgebung wirklich eine Hilfe bieten.

In der Robotik entstehen zunehmend nach unserem Ebenbild geschaffene Maschinenwesen, die aber oft so ungelenk sind, wie Kleinkinder, wenn sie uns motorisch imitieren sollen. Wann wird sich das ändern?

Tilo Wüsthoff: Viele humanoide Roboter, die wir kennen, dienen hauptsächlich der Grundlagenforschung und dürfen nicht mit einem Produkt verwechselt werden. Hier geht es auch darum, den Menschen und seinen Körper besser zu verstehen. Wenn ein Roboter sich unbeholfen bewegt, zeigt dies, wie komplex ein Bewegungsapparat tatsächlich ist. Natürliche und harmonische Bewegungsabläufe sind aber am Ende eher eine Frage des Feintunings. Die großen Herausforderungen bestehen darin, größere Kräfte und Lasten zu beherrschen und Robotern beizubringen, Situationen richtig einzuschätzen und angemessen zu agieren.

Und dabei spielt ebenfalls die Sicherheit in der Interaktion mit Menschen eine zentrale Rolle.

Tilo Wüsthoff: Natürlich. Schon das Weglassen der Sicherheitszäune, der Käfige rund um die Roboter war eine Revolution. Aber wenn wir mal so weit sind, dass ein technisches System sich in einer Menschenansammlung befindet und man mit ihm intuitiv interagieren kann, dann ist das eine wirklich riesige Veränderung. Und ich denke, dass dann Interaktionsformen entstehen, die man jetzt noch gar nicht absehen kann. So, wie niemand prognostizieren konnte, wie tiefgreifend Messenger-Dienste unsere zwischenmenschliche Interaktion verändern würden.

Wir werden uns diesen Themen sicher in kleinen Schritten annähern. Vor allem – wie bereits gesagt – über Systeme, die nicht vielseitig sind, etwa Zustellroboter, die wir heute schon teilweise sehen. Und wir werden lernen, in welchen Situationen die Menschen welche technischen Systeme in ihrer Mitte akzeptieren.

Wie bewerten Sie die explizit für die soziale Interaktion geschaffenen Robotersysteme, etwa die Robbe im japanischen Altersheim?

Tilo Wüsthoff: Also die Robbe ist ein ganz ernsthafter Fall, weil die wirklich funktioniert und auch in europäischen Einrichtungen therapeutisch verwendet wird. Es ist nur so, dass das Thema „soziale Roboter“ in Europa nach wie vor auch mit Ängsten belegt ist und in Japan nicht. Dort tritt man diesen Systemen eher mit Neugierde und Empathie entgegen. In Museen funktionieren soziale Roboter inzwischen auch in Europa – ich meine das jetzt nicht technisch. Meine erste Interpretation ist, dass, wer ins Museum geht, eher auf Neues und auf Erlebnisse eingestellt ist und deshalb auch solchen Systemen offen gegenübertritt.

Die Pflege ist allerdings ein Anwendungsfeld, das besonders viel Aufmerksamkeit erhält.

Tilo Wüsthoff: Die „letzte Meile“ ist ein entscheidendes Thema für die soziale Robotik. Aufgrund des demografischen Wandels blickt man dabei natürlich oft auf die Altenpflege. Dort können Roboter potenziell helfen, länger mobil zu bleiben, auch länger in den eigenen Räumlichkeiten zu leben. Da steigt dann auch die Akzeptanz. So wird es ja sehr oft beobachtet, dass Menschen sich teilweise lieber von einem technischen System helfen lassen als von einer anderen Person. Weil sie dadurch eher befreit von der sozialen Interaktion sind, die immer mit dabei ist und auch ihre Fallstricke hat. Es geht ja auch um die Aufrechterhaltung der Intimität und Würde. Meine persönliche Meinung ist, dass, wenn man es sich aussuchen kann, man lieber ein technisches System hat, um rein physische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zudem sollte man bedenken, dass Pflegeroboter Mobilität und selbstbestimmten Kontakt zu Menschen, die einem wichtig sind, ermöglichen.

Wenn wir noch einmal das Thema der Vertrauensbildung aufgreifen: wie muss, aus Ihrer Sicht als Designer, ein Robotersystem wirken, um Ängste abzubauen und eine entspannte Interaktion zu ermöglichen?

Tilo Wüsthoff: Ich glaube an die Strategie des Unterschätzens. Man muss die Systeme so erscheinen lassen, dass sie zwar leistungsfähig, aber dem Menschen unterlegen sind. Der Mensch will die Situationen kontrollieren. Und das Erscheinungsbild des Systems muss das klar signalisieren. Da greifen bekannte formalästhetische Prinzipien. Etwa indem man eine gewisse Größe nicht überschreitet und eine bestimmte Mimik und Gestik in die Interaktion integriert, nur um einen Aspekt zu nennen. Das kann auch subtil gelöst werden, also nicht unbedingt mit der Comic- oder Haustier-Ästhetik.

Das andere ist, dass man die Systeme nicht durch zu viele Skills und Komplexität so gestaltet, dass der Mensch überfordert wird. Dass man sich bei der Systementwicklung und -konstruktion bewusst beschränkt. Denn das, was die Systeme sichtbar und erlebbar tun, muss mit ihrem Aussehen konsistent sein. Die Angst vor dem Kontrollverlust ist tödlich für jede Vision vom Miteinander von Mensch und Maschine.

WYZE: Vielen Dank für das Gespräch.

Mehr Informationen: https://tilo-wuesthoff.de/projects